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Solche Momente gibt es nur live

Frank Schöttl ist Musiker und unterrichtet Saxofon. Sein Studio befindet sich an der Gröpelinger Heerstraße 242 im ersten Stock. Er selbst wohnt im Dachgeschoss – mit grandioser Aussicht über die Dächer vom Lindenhof. Seine persönlichen Aussichten sind weniger rosig. Als Freiberufler macht ihm die Corona-Krise besonders zu schaffen. Ein Gespräch übers Saxofonspielen, Online-Unterricht und das Überleben der Veranstaltungsbranche.

Warum ist das Saxofon das coolste Instrument der Welt?

Ist es das? Für mich schon. Ich finde auch andere Instrumente cool, aber da schlägt mein Herz für. Das Saxofon ist ein junges Instrument. Erfunden hat es vor ungefähr 170 Jahren Adolphe Sax und zwar für Militärkapellen. Er wollte die Intensität eines Blechblasinstruments mit der Weichheit eines Holzblasinstruments kombinieren. Beinahe wäre seine Erfindung in Vergessenheit geraten.

Aber es ist anders gekommen…

Einen neuen Aufschwung erlebte das Saxofon im Bereich Blues und Jazz in den zwanziger Jahren. Von da an war es nicht mehr aufzuhalten. In den 1980er Jahren gab es quasi keinen Popsong ohne Saxofon-Solo. Heute zählt das Saxofon zu den beliebtesten Musikinstrumenten. Wenn man in Bläser-Klassen fragt, wollen neun von zehn Schüler*innen Saxofon lernen.

Das Musikstudio von Frank Schöttl

Das Musikstudio von Frank Schöttl

Womit hast du angefangen?

Mit Blockflötenunterricht. Mit elf Jahren bin ich dann zur Gitarre gewechselt und habe irgendwann parallel begonnen, Saxofonunterricht zu nehmen. Beides zusammen war auf die Dauer nicht machbar. Ich musste mich entscheiden, welches Instrument ich mit ganzer Kraft weitermachen möchte.

War dein Ziel Berufsmusiker zu werden?

Hauptsächlich wollte ich in die Nachwuchsband kommen, die es damals an der Bremer Musikschule gab. Mit Beruf hatte das noch nicht viel zu tun. Wir hatten zwar Auftritte, aber es gab kein Geld. Danach habe ich klassisches Saxofon an der Bremer Hochschule studiert, später Jazz und Popularmusik. Damals noch ein Pilotstudiengang, der heute fest etabliert ist.

Wie schwer ist es Saxofon spielen zu lernen?

Einen Ton kriegt jeder raus. Schön anzuhören ist das meistens noch nicht. Jedes Instrument hat Dinge, die es schwer machen. Es ist ein langer Prozess bis man den Luftstrom, den Ansatz, die Projektion hat, dass es wirklich gut ist. Das ist doch bei anderen Sachen auch so: Ist Fußballspielen schwer?

Frank Schöttl in seinem Studio

Frank Schöttl unterichtet an Bremer Musikschulen

Was zeichnet dich als Lehrer aus?

95% meiner Schüler*innen möchten Saxofon spielen lernen aufgrund einer persönlichen Vorliebe, um sich selbst zu verwirklichen, nicht um morgen auf einer Bühne zu stehen. Diesen Punkt versuche ich möglichst sofort zu erzielen, es soll sofort Spaß machen. Dann ist es ein wunderbares Hobby, was sogar süchtig machen kann. Musikunterricht ist etwas, was in der Nähe stattfindet, weil man regelmäßig dort hingeht. Deswegen unterrichte ich zusätzlich an freien Musikschulen im Bremer Umland.

Wie kamst du nach Gröpelingen?

Ich bin in Bremen aufgewachsen, war zwischendurch in den USA und bin dann mit meiner Frau aufs Land in die Nähe von Verden gezogen. Unser Sohn und ich wollten immer zurück nach Bremen. Wir haben nach einem Haus gesucht, wo wir Musik machen, arbeiten und gut leben können. Dass wir 2016 in Gröpelingen landeten, war Zufall. Ich kannte den Stadtteil vorher nicht, finde ihn aber ziemlich klasse. Er erinnert mich an das Ostertorviertel, wo es noch nicht schick war, dort zu wohnen.

Wie geht Musikunterricht in der Corona-Krise?

Mit dem Shutdown im März war klar, dass Unterricht an Musikschulen und auch hier nicht mehr stattfinden konnte. Ich habe einen Teil der Corona-Fördergelder investiert, um neue Computer, Kamera, Mikrofone anzuschaffen und auf Online-Unterricht umgestellt. Besonders die jungen Schüler waren davon total begeistert. Bei mir haben auch viele Sachen am Anfang nicht geklappt, weil man unglaublich schnell viel machen musste. Einige Stunden musste ich drei Mal geben, weil die Leitung ständig zusammenbrach. Man kann tatsächlich viele Dinge bei YouTube lernen, aber bei Blasinstrumenten brauchst du immer die Rückmeldung.

Gab es durch Corona einen Zuwachs?

Nach ein bis zwei Monaten entwickelte sich eine stärkere Nachfrage, weil die Leute die Zeit nutzen wollten, um Dinge für sich zu machen wie Saxofon spielen lernen. Dafür ist der Bereich der Livemusik schlichtweg tot. Vor Corona bestritt ich 50% meiner Einnahmen mit Unterricht und 50% mit Livemusik. Das hat sich verschoben auf 90 zu 10%.

Hast du Corona-Hilfe bekommen?

Ja. Allerdings habe ich für den Antrag insgesamt fünf mal die Formulare ausgefüllt. Dazu gab es noch eine kleine Hilfe vom Kultursenator für ausgefallene Konzerte, die man auch zum Lebensunterhalt verwenden konnte. Ich bin dankbar, weil es bei mir momentan nicht schlecht läuft. Andere Musiker*innen haben sich als zweites Standbein ein Eventagentur aufgebaut, da ist alles kaputt gegangen. Während andere Branchen teilweise wieder hochgefahren werden, heißt es bei uns nur: Im Zweifel absagen. 1,3 Millionen Menschen arbeiten in der Veranstaltungsbranche. Ich befürchte, es wird eine kulturelle Pleitewelle kommen, über deren Ausmaß man sich nicht bewusst ist.

Fühlst du dich systemrelevant?

Ich mag das Wort nicht. Wenn meine Branche auf einmal weg wäre, würden morgen keine Leute verhungern, aber es wird sich was verändern. Für das soziale Ökosystem sind wir genauso wichtig so wie andere auch.

Frank Schöttl spielt Saxofon

Frank Schöttl bei der Finissage der Ausstellung Robert Schad – Bremen vierkant

Kleinere Konzerte sind doch wieder möglich?

Es finden draußen wieder Konzerte und kleinere Dinge mit Abstand statt. Wenn jedoch die Open-Air-Saison zu Ende ist, wird es schwierig. Wenn es sich nicht lohnt, macht kein Veranstalter mit – außer Sponsoren oder die öffentliche Hand sagt, wir finanzieren das, weil wir es erhalten wollen. Ich bin selber ein großer Fan von Live-Konzerten und fahre dafür auch weit, bestimmte Momente gibt es nur live.

 

Kontakt:
Frank Schöttl
0171 – 49 305 66
frank@schoettl.org
www.saxforfun.com

Text: Eva Determann

Fotos: Julian Elbers