Jessica Lewerentz in ihrem Atelier.
Maker Mode

Mit Nadel und Faden im Dienste von Menschen mit besonderen Bedürfnissen

Jessica Lewerentz fertigt unverzichtbare Lieblingsstücke für diejenigen, die nicht einfach von der Stange kaufen können.

Jessica Lewerentz wurde für ihre Idee Mode für Menschen mit körperlichen Besonderheiten anzufertigen 2015 mit dem Preis für innovatives Handwerk ausgezeichnet. Fadenstolz, mit dem kecken Vogel als Firmenemblem, steht für die Kunst Menschen, denen es nicht möglich ist ihre Kleidung von der Stange zu kaufen, Mode wie ein zweites Federkleid auf den Leib zu schneidern. Gelernt hat sie ihr Handwerk in einer Tanzschneiderei, bei der es darum ging, bunte und elastische Stoffe so zu verarbeiten, so dass sie in der Tanzpraxis gut funktionieren. Ein eigenes Unternehmen zu gründen war eigentlich nie ihr Ziel. Erst als die Umstände sie mehr oder weniger dazu zwingen – oder besser gesagt, ihr den Gefallen tun – übernimmt sie das eigene Ruder.

Wie war Dein Weg zur Unternehmerin?
Nach meiner Ausbildung als Tanzschneiderin habe ich ein Jahr lang im Betrieb als Gesellin gearbeitet und anschließend Direktrice in Schnitt in der Modehauptstadt Düsseldorf gelernt. Danach habe ich wieder im gleichen Betrieb die Atelierleitung mit zwei Auszubildenden übernommen. Während dieser Zeit habe ich nebenbei meinen Betriebswirt gemacht. Als mir betriebsbedingt gekündigt wurde habe ich mich gefragt, was macht man mit Anfang 30? Habe ich noch Chancen in der Industrie? Ich bin dann wiederum nach Düsseldorf gegangen und habe meinen Meister nachgeholt. Andererseits musste ich dann feststellen, dass es gar nicht so leicht ist mit einem Meistertitel in der Industrie unterzukommen, insbesondere in Bremen. Also habe ich meinen Mut zusammen genommen und das getan, was ich mich früher nicht getraut hätte: Ich habe mich selbständig gemacht.

Jessica Lewerentz - fadenstolz

Wie bist Du zu Deiner Zielgruppe gekommen?
Meine anfängliche Idee war Mode für Mollige zu machen, aber dann hat mir meine Schwester von einer Arbeitskollegin mit Multiple Sklerose erzählt, die im Rollstuhl sitzt und Probleme hat, gute und geeignete Kleidung zu finden. Das habe ich als Herausforderung genommen. Mode zum Beispiel für Rollstuhlfahrer, für Sehbehinderte und Blinde, für Menschen mit Amputationen. Ich wollte Mode für Menschen machen, die nicht einfach irgendwohin kommen können. Sie sollen aussuchen, wozu sie gerade Lust haben und nicht, was es für sie gibt. Ich wollte ihnen neue Lieblingstücke schneidern. Das mag etwas mit Inklusion zu tun haben, ich empfinde das Wort allerdings als schwierig. Es erklärt einen Sachverhalt zwar mit wenig Worten, aber ich frage mich schon, warum muss man etwas erst ausdifferenzieren um es dann wieder einfügen zu wollen, wie kann das funktionieren. Ich versuche um das Wort nicht allzu viel Wirbel zu machen – meine Mode muss auch im Sitzen gut aussehen, Punktum.

Was waren Deine ersten Schritte als Unternehmerin?
Als erstes habe ich mir eine professionelle Internetseite anfertigen lassen plus Logo und Schriftzug. Damit konnte ich am Markt auftreten. Durch Zufall habe ich jemanden vom Behindertensportamt kennengelernt – und bin darüber zu einer Präsentation meiner Mode auf der IRMA (Internationale Reha-, Reise- und Mobilitätsmesse) gekommen. Viel läuft über Mundpropaganda – denn die beste Werbung ist, wenn die Ansprüche vom Kunden erfüllt werden. Der Preis für Innovatives Handwerk hat dann meinen Bekanntheitsgrad nochmal gut gesteigert.

Hattest Du eingangs einen Businessplan gemacht?

Mehr oder weniger. Ich habe einen Fünfjahresplan aufgestellt, und zwar für ein Business, das noch keinen Kundenstamm hatte. Wichtig war als erstes, dass ich einen Werkstattraum zur Verfügung gestellt bekommen habe, bei dem die Fixkosten niedrig sind, sodass ich ausprobieren kann, ob die Idee funktioniert. Im ersten Jahr wollte ich vor allem meinen Marktauftritt beobachten und mir Feedback von außen holen. Ab dem dritten Jahr müssen die Zahlen anfangen zu stimmen, das heißt, die Idee muss funktionieren. Ab dem fünften Jahr will ich so fest im Sattel sitzen, dass ich eine Angestellte oder besser noch eine Auszubildende einstellen kann, eventuell sogar jemand mit körperlicher Beeinträchtigung. Das Handwerk weiterzugeben würde mir eine große Freude machen. Derzeit liege ich ganz gut im Rennen. Ich bin so weit, dass ich gerne größere Geschäftsräume anmieten würde, in denen ich auch verkaufen kann.

Was denkst Du ist für Dein Unternehmen das Wichtigste?
Jedes kleine Unternehmen steht und fällt mit der eigenen Person. Und diese Person muss überzeugt von dem sein, was sie tut. Alles andere macht auch keinen Sinn, dafür wäre es zu anstrengend. Man muss eine Entscheidung für die Sache treffen – und man muss es dann auch durchziehen oder sich einen anderen Plan suchen. Wichtig ist für mich, auf mein Bauchgefühl zu hören und mich immer zu fragen: Was ist gut für mein Unternehmen? Dabei vergesse ich allerdings nicht, dass das eigene Glück ebenso eine Rolle spielt. Bei dem was ich mache will ich selbst glücklich sein. Und das kann man nur, wenn man die Sachen selbst in die Hand nimmt und nicht wartet bis jemand auf einen zukommt und es für einen erledigt. Meine Eltern stehen felsenfest hinter mir und auch mein Freund motiviert, das ist sehr hilfreich. Wichtig ist mir auch, nicht auf der Stelle zu treten, ich brauche immer wieder gute, neue Herausforderungen. Meinen nächsten Schwerpunkt setze ich zum Beispiel auf Mode für Blinde oder Sehbehinderte. Am Saum wird dann in Blindenschrift die jeweilige Farbe des Kleidungsstücks gestickt. Man kann schon sagen, dass es mir darum geht, Menschen zu einer Normalität zu verhelfen. Das ist eine enorme Triebkraft.

 

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